KI-Verordnung: Der neue Standard für zukunftssichere Innovation

Marcin Wawryszczuk

Marcin Wawryszczuk

Head of AI Department

Jan 23, 2026
Lesezeit: 5 Minuten
Ansichten
  1. Regeln, Zeitpläne und Chancen für sichere Innovation
  2. Einsatzbereich, Risikostufen und Verantwortlichkeiten
  3. Das vierstufige Risikomodell
  4. Rollen entlang der Wertschöpfungskette
  5. Mehr als nur Compliance – ein strategischer Vorteil
  6. Der Ansatz von Andersen: KI von Anfang an richtig steuern
  7. Fazit

„Move fast and break things“ – jahrelang bestimmte dieses Motto das Tempo technologischer Entwicklungen. Mit dem Start von ChatGPT und dem rasanten Einzug von KI-Tools in nahezu alle Arbeitsbereiche setzten viele Unternehmen auf schnelle Implementierungen. Meist ging es dabei darum, Schritt zu halten und aktuelle Herausforderungen zu bewältigen. Aspekte wie Aufsichtspflichten, die Rückverfolgbarkeit von Daten oder der Schutz vor algorithmischer Voreingenommenheit wurden dabei häufig vernachlässigt.

In Europa endet diese Phase des unregulierten KI-Wachstums nun offiziell. Die neue KI-Verordnung verpflichtet Organisationen, Sicherheit und Transparenz ihrer intelligenten Systeme künftig nachzuweisen.

Regeln, Zeitpläne und Chancen für sichere Innovation

Die EU-KI-Verordnung schafft einen einheitlichen Rahmen für künstliche Intelligenz als technische Kategorie. Sie erfasst alles – vom inferenzbasierten maschinellen Lernen bis hin zu deterministischen Logik-Systemen – und ersetzt 27 unterschiedliche nationale Regelwerke. Dadurch entsteht ein stabiles Umfeld, in dem Innovationen menschenzentriert gestaltet werden müssen und strengen Sicherheits- sowie Rechenschaftsstandards unterliegen.

Die Leitprinzipien sind klar:

  • Reichweite: Die Verordnung gilt branchenübergreifend, von Finanzdienstleistungen über Personalwesen bis hin zur industriellen Fertigung.

  • Kontinuität: Die Pflichten betreffen nicht nur fertige Produkte. Die Aufsicht beginnt bereits in der Konzeptionsphase und begleitet eine intelligente Lösung während ihres gesamten Lebenszyklus.

  • Proportionalität: Je stärker ein System das Leben von Menschen beeinflusst, desto strenger die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen.

Die Verordnung trat am 1. August 2024 in Kraft und sieht eine schrittweise Umsetzung vor, damit Unternehmen Zeit für Anpassungen haben. Seit dem 2. Februar 2025 gelten Verbote für Produkte mit inakzeptablem Risiko. Zugleich wurden verpflichtende Schulungs- und Sensibilisierungsprogramme für Mitarbeitende eingeführt.

Bis zum 2. August 2026 fallen Hochrisiko-Anwendungen vollständig unter die regulatorische Aufsicht. Unternehmen müssen dann robuste „Human-in-the-Loop“-Kontrollen nachweisen und detaillierte Sicherheitsbewertungen dokumentieren. Der letzte Meilenstein ist der 2. August 2027: Ab diesem Datum müssen KI-Systeme, die in Medizinprodukten, Industriemaschinen oder anderer regulierter Hardware eingesetzt werden, die europäischen Sicherheitszertifizierungen erfüllen.

Die Nichteinhaltung der Verordnung kann Unternehmen ernsthaft gefährden. Bußgelder für verbotene Tools liegen bei bis zu 35 Millionen Euro oder 7 % des weltweiten Jahresumsatzes. Selbst administrative Fehler oder irreführende Angaben können Strafen von bis zu 7,5 Millionen Euro nach sich ziehen. Für die meisten Organisationen wiegen jedoch die operativen Konsequenzen schwerer: Eine behördliche Anordnung, ein smartes Tool zurückzuziehen oder zu sperren, kann kritische Geschäftsprozesse über Nacht lahmlegen.

Einsatzbereich, Risikostufen und Verantwortlichkeiten

Die Verordnung erfasst im Kern jede Technologie, die autonome Logik einsetzt, um ihre Umgebung zu beeinflussen. Solche Systeme verarbeiten Informationen, um gezielte Ergebnisse zu erzielen, von datenbasierten Prognosen bis zu komplexen Entscheidungen.

Der Anwendungsbereich ist breit: Er reicht von maschinellem Lernen und Reinforcement Learning bis hin zu logikbasierten Systemen, die symbolisches Denken nutzen. Neu eingeführt wird zudem der Begriff der GPAI-Modelle – vielseitige Systeme, die auf großen Datensätzen trainiert werden und für unterschiedliche Aufgaben eingesetzt werden können.

Um regulatorische „blinde Flecken“ zu vermeiden, sollten Unternehmen ihre Klassifizierungen klar dokumentieren. Dabei gilt es zu begründen, warum eine einfache Regel-Engine als klassische Software eingestuft wird, während ein Predictive-Analytics-Tool als KI betrachtet wird. So wird ein wichtiger Schritt zu transparenter Governance getan.

Das vierstufige Risikomodell

Die Anforderungen der KI-Verordnung sind nach einer vierstufigen Risiko-Hierarchie gegliedert:

  • Inakzeptables Risiko: Bestimmte KI-Praktiken sind strikt verboten, insbesondere solche, die für Social Scoring, das Ausnutzen von Schwachstellen oder das Erfassen von Emotionen am Arbeitsplatz eingesetzt werden. Alle bestehenden Systeme, die unter diese Beschreibungen fallen, müssen unverzüglich identifiziert und außer Betrieb genommen werden.

  • Hohes Risiko: Hierunter fallen Anwendungen in Bereichen wie Personalrekrutierung, Kreditwürdigkeitsprüfungen oder öffentliche Sicherheit. Der Betrieb solcher Systeme erfordert robuste menschliche Kontrollen, umfassende Risikobewertungen und die Einhaltung der Konformitätsanforderungen der KI-Verordnung.

  • Begrenztes Risiko: Bei Tools wie Chatbots oder generierten Medien steht Transparenz im Vordergrund. Nutzer müssen eindeutig erkennen, dass sie mit einem automatisierten System interagieren oder Inhalte wie „Deepfakes“ betrachten, um Täuschungen zu vermeiden.

  • Minimales bzw. kein Risiko: Für die meisten Standardanwendungen (Spam-Filter oder einfache Empfehlungssysteme) ergeben sich keine zusätzlichen Anforderungen. Sie müssen jedoch weiterhin geltende Datenschutzregeln, wie die DSGVO, einhalten.

Rollen entlang der Wertschöpfungskette

Die Verantwortung hängt von der konkreten Rolle im Umgang mit KI ab, nicht allein von der Unternehmensart. Ob Sie als Anbieter (der das System entwickelt), als Betreiber (der es zu beruflichen Zwecken nutzt) oder als Importeur, Händler, Hersteller oder autorisierter Vertreter handeln – Ihr Haftungsgrad unterscheidet sich entsprechend.

Die Vorschriften gelten zudem über die europäischen Grenzen hinaus. Wenn Ihre intelligente Software auf dem EU-Markt betrieben wird, müssen die Regeln eingehalten werden, unabhängig vom Standort Ihres Hauptsitzes.

Mehr als nur Compliance – ein strategischer Vorteil

Manche sehen diese Regulierung zunächst als Hemmnis für Innovation. Doch hohe Standards in der Luftfahrt machten das Fliegen erst sicher, und strenge Sicherheitsvorschriften in der Automobilindustrie ermöglichten die breite Nutzung. Dieselbe Logik lässt sich nun auf intelligente Tools übertragen.

Erfolg haben Unternehmen, die Sicherheit und Transparenz als zentrale Eigenschaften ihrer Systeme verankern. Die Gesetzgebung setzt einen Standard für „vertrauenswürdige KI“, der zunehmend zur Voraussetzung für Partnerschaften auf Unternehmensebene wird.

Compliance wird so zu einem echten Wettbewerbsvorteil. Wer die Vorgaben der Verordnung frühzeitig umsetzt, verschafft seinem Unternehmen einen Vertrauensvorsprung und wird zum bevorzugten Partner in B2B-Beziehungen – gleichzeitig attraktiv für risikoaffine Investoren. Wer hingegen abwartet, läuft Gefahr, hohe technische Schulden anzuhäufen: Nicht-konforme Systeme, die bereits tief in die Abläufe integriert sind, müssen später aufwendig angepasst oder sogar ersetzt werden.

Der Ansatz von Andersen: KI von Anfang an richtig steuern

Compliance sollte niemals erst im Nachhinein betrachtet werden. Digitale Souveränität entsteht, wenn Transparenz und Sicherheit von Beginn an in die technische Architektur eingebaut sind. KI-Governance ist dabei der Schlüssel zu nachhaltiger Innovation.

Wir bei Andersen empfehlen ein sechsstufiges Framework:

  • KI-Assets erfassen: Legen Sie ein zentrales Register aller intelligenten Tools im Unternehmen an – egal, ob intern entwickelt oder von externen Anbietern bezogen. Zweck, Datenbasis und Zuständigkeiten sollten klar dokumentiert sein.

  • Auswirkungen und Verantwortung kategorisieren: Klären Sie, ob Sie als Anbieter oder Betreiber agieren, und ordnen Sie Ihre Produkte den Risikostufen zu, um Ressourcen gezielt zu priorisieren.

  • Governance-Struktur aufbauen: Bestimmen Sie verantwortliche Leiter und ein interdisziplinäres Team, um interne Standards mit der funktionalen Aufsicht in Einklang zu bringen.

  • Kritische Tools absichern: Stellen Sie sicher, dass die wichtigsten KI-Systeme durch klare Governance-Prozesse und detaillierte technische Dokumentationen geschützt sind.

  • Compliance von Drittanbietern prüfen: Überprüfen Sie Verträge mit Lieferanten, um sicherzustellen, dass technische Daten verfügbar sind, die für regulatorische Anforderungen notwendig sind.

  • Transparenz verankern: Implementieren Sie automatisierte Kennzeichnungen für maschinengenerierte Inhalte, damit Nutzer informiert werden und rechtliche Vorgaben eingehalten werden.

Wer diese Punkte in den Produktlebenszyklus einbindet, schafft eine Kultur der „Compliance by Design“. Mit zunehmenden KI-Fähigkeiten und neuen regulatorischen Leitlinien ist die Infrastruktur dann bereits flexibel genug, um Anpassungen ohne teure Nachrüstungen vorzunehmen.

Fazit

Die KI-Verordnung markiert den Übergang zu einer ausgereiften, standardisierten digitalen Wirtschaft. Unternehmen, die diesen Wandel als strategische Weiterentwicklung verstehen, werden das Innovationsgeschehen im kommenden Jahrzehnt anführen.

Die Fristen 2026 bieten die Gelegenheit, Compliance in einen Wettbewerbsvorteil zu verwandeln. Lösungen, die den Vorgaben entsprechen, schaffen Vertrauen, eröffnen neue Partnerschaften und sichern die langfristige Integrität technischer Assets.

Als KI-Agentur begleitet Andersen Organisationen während dieser Transformation. Wir bringen die Expertise ein, um gesetzliche Anforderungen in reibungslose operative Standards zu überführen. Unser Team integriert Sicherheit und Verantwortung direkt in Ihre Softwarearchitektur und sichert so die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Ihres Unternehmens.

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